Foto: PFA/Björn Kecker

Es sollte der große Abschluss der ersten Regular Season der EFA werden. Nordic Storm gegen die Munich Ravens, Tabellenzweiter gegen Tabellenführer, zwei der stärksten Mannschaften Europas und die Neuauflage eines Hinspiels, das München erst nach einem spektakulären Schlagabtausch mit 37:34 gewonnen hatte. Die Ravens reisten mit einer perfekten 9:0-Bilanz nach Kopenhagen, Storm stand bei 8:1. Doch aus dem angekündigten Topspiel wurde nichts. München schonte einen erheblichen Teil seiner Leistungsträger, Nordic trat nahezu in Bestbesetzung an und zerlegte die Gäste mit 55:7. Schon zur Halbzeit stand es 42:0.

Sportlich lässt sich die Entscheidung der Ravens mit Blick auf das anstehende BIG4 Playoff Weekend begründen. Bei vielen Fans sorgte die Art und Weise des Auftritts dennoch für massive Enttäuschung. Besonders bitter: Anhänger waren aus München nach Dänemark gereist, Nordic Storm meldete das Spiel als ausverkauft und nicht wenige Zuschauer dürften sich auf eines der Highlights der EFA-Saison gefreut haben. Stattdessen erlebten sie die deutlichste Niederlage der Ravens in dieser Saison und eine Partie, die praktisch schon nach wenigen Minuten entschieden war.

Aus dem Topspiel wird eine Lehrstunde

Noch zwei Tage vor der Partie hatte die EFA selbst das Duell unter der Frage „Revenge or a Perfect Season?“ als eines der größten Spiele des Jahres angekündigt. Das erste Aufeinandertreffen hatte schließlich geliefert, was sich die Liga von ihren Spitzenspielen erhofft. München gewann in Woche fünf knapp mit 37:34 und fügte Nordic damit die einzige Niederlage der Saison zu. Anschließend gewannen beide Mannschaften viermal in Folge. Die Voraussetzungen für einen spektakulären Abschluss der Regular Season schienen entsprechend geschaffen.

Doch München entschied sich für einen anderen Weg. Quarterback Russell Tabor wurde ebenso geschont wie unter anderem die Wide Receiver Louis Geyer und Malik Stanley Jr., Running Back Justus Seelig, Defensive Lineman Etuale Lui sowie die Defensive Backs Bijon Harris, Divine Buckrham und Christoph Nitzlnader. Nordic Storm dagegen bot seine Leistungsträger auf. Die sportlichen Folgen waren drastisch. Storm führte nach dem ersten Viertel bereits 21:0 und baute den Vorsprung bis zur Halbzeit auf 42:0 aus. München gelang erst gut zwei Minuten vor dem Ende durch den erst kürzlich verpflichteten Tight End Ron Tiavaasue, der als Running Back eingesetzt wurde, der einzige Touchdown des Tages.

Das Ergebnis von 55:7 war entsprechend deutlich. Statt eines möglichen Vorgeschmacks auf die Playoffs bekamen die Zuschauer ein Spiel zu sehen, in dem die Kräfteverhältnisse aufgrund der Münchener Personalentscheidung von Beginn an massiv verschoben waren.

Fans fühlen sich um das Topspiel gebracht

Genau daran entzündete sich anschließend die Diskussion. In den sozialen Netzwerken äußerten Fans beider Mannschaften ihren Unmut. Bemerkenswert dabei: Die Kritik kam keineswegs ausschließlich aus München. Selbst Anhänger von Nordic Storm, die einen deutlichen Sieg ihres Teams feiern konnten, hätten sich offenbar lieber einen echten Vergleich der beiden Topmannschaften gewünscht.

„Ehrlich gesagt wollte ich ein richtiges Matchup. Natürlich freue ich mich zu 100 Prozent darüber, dass wir gewinnen. Aber das hätte ein Spiel für die Fans sein sollen“

Nordic-Storm-Anhängerin Veronica Jensen in einer Facebook-Diskussion

Noch deutlicher wurde ein anderer Fan, der nach eigener Aussage über eine Anreise aus Schweden nachgedacht hatte. Er sei nun froh, nicht gefahren zu sein. Wenn dies das Niveau an Professionalität, Kampfgeist und Ausdauer sei, das man in der EFA erwarten könne, werde er künftig nur noch NFL schauen. Zudem forderte er Konsequenzen durch die Liga und bezeichnete einen solchen Auftritt als schlecht für Menschen, die erstmals ein Footballspiel besuchen.

Ein weiterer Fan richtete seinen Blick bereits auf die Zukunft. Er schlug vor, ein solches Topduell künftig nicht unbedingt auf den letzten Spieltag zu legen. Damit könne verhindert werden, dass eine bereits qualifizierte Mannschaft ihre wichtigsten Spieler in einem für sie sportlich wenig bedeutenden Spiel schont.

Andere Kommentare fielen wesentlich drastischer aus. Zum Beispiel verwies jemand darauf, dass rund 3.000 Menschen gekommen seien, während sich die Ravens seiner Meinung nach nicht entsprechend um das Spiel bemüht hätten.

„Das ist ein Schlag ins Gesicht der Zuschauer.“

Facebook User

Nicht alle Fans sehen ein Problem

Die Debatte verlief allerdings keineswegs einseitig. Mehrere Fans verteidigten die Entscheidung der Ravens und verwiesen darauf, dass die Playoffs für München wesentlich wichtiger seien als eine perfekte Regular Season. Gerade im Football kann jede zusätzliche Partie und jeder weitere Snap das Verletzungsrisiko erhöhen.

„Die Starter in einem bedeutungslosen Spiel zu schonen und den Spielern, die die ganze Woche trainieren, Spielpraxis für den Fall zu geben, dass sie gebraucht werden, sehe ich nicht als Problem.“

Instagram-Nutzer und verwies dabei auf ähnliche Vorgehensweisen im Profisport

Ein User argumentierte ebenfalls, dass Mannschaften in verschiedenen Sportarten ihre Leistungsträger schonen würden, sobald das Ergebnis sportlich keine entscheidende Bedeutung mehr habe. Der Football Spieler Robby Kendall stellte auf Instagram die Frage, ob es tatsächlich respektlos sei, wenn München nach einer starken Saison seine Spieler schütze und sich diese Möglichkeit durch die vorherigen Ergebnisse erarbeitet habe.

Damit treffen in der Diskussion zwei grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Auf der einen Seite steht die sportliche Verantwortung eines Trainers gegenüber seiner Mannschaft und dem großen Ziel Meisterschaft. Auf der anderen stehen Zuschauer, Liga und Veranstalter, die ein beworbenes Spitzenspiel erwarten und dafür teilweise erhebliche Reise- und Ticketkosten auf sich nehmen.

Ellison verteidigt seine Entscheidung

Ravens Head Coach Kendral Ellison machte nach der Partie keinen Hehl daraus, dass die Personalentscheidung bewusst getroffen worden war. Die Aussicht auf eine perfekte Regular Season habe durchaus eine Rolle gespielt, sei letztlich aber weniger wichtig gewesen als die Vorbereitung auf die Playoffs.

Kendral Ellison (Munich Ravens, Head Coach) – Foto: PFA/Björn Kecker

„Es war ehrlicherweise eine harte Entscheidung. Wir mussten alle unser Ego etwas zurücknehmen – auch ich“

Munich Ravens Head Coach Kendral Ellison im offiziellen EFA-Interview

Natürlich habe jeder die Saison mit einer 10:0-Bilanz abschließen wollen. Gleichzeitig habe die Partie aus seiner Sicht keinen entscheidenden Einfluss mehr auf die Situation seines Teams gehabt.

Ellison verwies zudem auf Spieler, die über Monate trainiert hatten, ohne regelmäßig auf dem Feld zu stehen. Ihnen Einsatzzeit zu geben, habe innerhalb der Mannschaft einen hohen Stellenwert gehabt.

„Für uns hat es mehr bedeutet, dass die Jungs, die sonst nicht spielen, die sich seit November den Hintern aufreißen, auch eine Chance haben, aufzulaufen“

Head Coach Kendral Ellison

Den Endstand wolle man abhaken und den Blick unmittelbar auf die kommende Aufgabe richten. Aus rein sportlicher Perspektive ist diese Argumentation nachvollziehbar. Ein Head Coach wird letztlich daran gemessen, wie weit seine Mannschaft in den Playoffs kommt, nicht daran, ob sie die Regular Season mit 10:0 oder 9:1 beendet. Eine Verletzung von Tabor, Stanley oder einem anderen Schlüsselspieler in einer Partie ohne entscheidenden Einfluss auf Münchens Playoffweg hätte im Nachhinein vermutlich ebenfalls heftige Kritik ausgelöst.

EFA gerät zwischen sportliche Logik und Faninteressen

Für die EFA ist die Situation komplizierter. Die Liga selbst hatte das Spiel im Vorfeld prominent als großes Finale der Regular Season beworben. Von einem Duell der beiden besten Teams war die Rede, von zwei Elite-Offenses und einem möglichen weiteren Klassiker nach dem 37:34 aus dem Hinspiel. Genau dieses Produkt bekamen die Zuschauer letztlich nicht.

Darauf zielte auch ein Beitrag des Accounts epfr_official ab, der zahlreiche Fanreaktionen sammelte. Dort wurde der Münchener Auftritt als respektlos gegenüber den Zuschauern bezeichnet und darauf hingewiesen, dass Fans verschiedener Teams in ihrer Kritik ungewöhnlich geschlossen seien. In einer anschließenden Diskussion schrieb der Account, eine Liga, die sich noch in ihrer Entwicklung befinde, müsse besonders um ihre Zuschauer kämpfen.

Die Gegenposition ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten. Als ein Nutzer auf das Schonen von Startern in der NFL verwies, antwortete epfr_official, dass genau dieser Vergleich das Problem verdeutliche: Die EFA sei vom Stellenwert und von den Rahmenbedingungen der NFL weit entfernt. Gerade deshalb könne ein junges europäisches Produkt stärker darauf angewiesen sein, jedes attraktive Spitzenspiel tatsächlich als solches präsentieren zu können.

Für mitgereiste Fans bleibt ein bitterer Beigeschmack

Am Ende geht es deshalb um mehr als das 7:55 auf dem Scoreboard. Die Ravens haben keine Regel gebrochen. Ein Coach darf entscheiden, welche Spieler er einsetzt, und Ellisons Aufgabe besteht in erster Linie darin, seine Mannschaft möglichst erfolgreich durch die Playoffs zu führen. Sollte München beim BIG4 Playoff Weekend mit ausgeruhten Leistungsträgern den Titel holen, wird seine Entscheidung sportlich rückblickend noch leichter zu verteidigen sein.

Gleichzeitig lässt sich die Perspektive der Fans kaum wegdiskutieren. Wer mehrere hundert Kilometer nach Kopenhagen reist, Hotel, Fahrt und Eintritt bezahlt und aufgrund der bisherigen Saison ein Duell der beiden besten Mannschaften erwartet, bewertet ein 55:7 vermutlich anders als ein Coaching Staff, dessen Blick bereits vollständig auf die Playoffs gerichtet ist. Noch empfindlicher ist dieser Punkt für eine junge Liga, die neue Zuschauer dauerhaft für europäischen Football begeistern möchte.

Genau deshalb dürfte dieses Spiel über den letzten Snap hinaus diskutiert werden. Die Ravens wollten ihre Stars schützen und ihre Chancen auf den Titel maximieren. Das ist sportlich legitim. Nordic Storm nutzte die Situation und lieferte vor eigenem Publikum das erwartete Ergebnis. Doch zahlreiche Zuschauer hatten nicht darauf gewartet, zwei Mannschaften mit völlig unterschiedlichen Prioritäten zu sehen. Sie wollten den zweiten Teil eines Duells erleben, dessen erster Akt mit 37:34 eines der spannendsten Spiele der Saison gewesen war. Bekommen haben sie stattdessen ein 55:7.

Für München zählt ab jetzt nur noch das BIG4 Playoff Weekend. Für die EFA bleibt dagegen eine grundsätzlichere Frage zurück: Wie verhindert eine junge Liga, dass ausgerechnet eines ihrer am stärksten beworbenen Spiele am Ende sportlich kaum noch Bedeutung für eine der beteiligten Mannschaften besitzt und zahlende Fans das Gefühl bekommen, nicht das Produkt erhalten zu haben, das ihnen zuvor versprochen wurde?

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Hendrik

Hendrik gründete Foot Bowl am 30. April 2021. Mail: footbowl@gmx.net

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