Foto: Foot Bowl/Just Shots
Nach fünf Jahren ist die European League of Football Geschichte. Zahlreiche Franchises wollten den eingeschlagenen Weg unter CEO Zeljko Karajica nicht weitergehen und entschieden sich für eine Abspaltung. Das europäische Profi-Football-Projekt zerfiel in zwei neue Richtungen: Ein Teil der Teams – darunter Rhein Fire und die Vienna Vikings – schloss sich der AFLE an. Andere Franchises formierten sich in der European Football Alliance, darunter Teams wie Frankfurt Galaxy und Madrid Bravos.

Im Zentrum des Interesses stand lange Zeit ein Klub: die Munich Ravens. Als eines der sportlich wie wirtschaftlich attraktivsten Franchises galten sie bis zuletzt als „Free Agent“ im neuen Ligagefüge. Sowohl AFLE als auch EFA warben intensiv um die Münchner. Am vergangenen Dienstag fiel die Entscheidung öffentlich. Die Ravens wurden offiziell als Mitglied der EFA vorgestellt. Die AFLE ging leer aus.

Sean Shelton übernimmt als GM
Die Entscheidung der Munich Ravens für die European Football Alliance ist eng mit der veränderten Rolle von General Manager Sean Shelton verknüpft. Er ist inzwischen nicht mehr nur sportlich, sondern auch strukturell und wirtschaftlich in alle Prozesse eingebunden.
„Bisher war ich bei den Ravens vor allem eine sportliche Ressource – als Director of Sports Operations, Sportdirektor oder General Manager of Sports. Mein Titel hat sich also jedes Jahr etwas geändert, aber im Kern ging es immer darum, das Team so erfolgreich wie möglich zu machen, egal ob organisatorisch, personell oder im Spielerbereich. Jetzt ist es das erste Mal, dass ich auch große Verantwortung auf der geschäftlichen Seite trage. Meine Rolle ist nun eher eine überwachende Funktion auf beiden Seiten. Ich habe ein großartiges Team um mich herum, das unsere gemeinsam entwickelten Pläne und Strategien umsetzt. Zum ersten Mal bin ich also wirklich in allen Bereichen der Franchise eingebunden.“
Diese erweiterte Verantwortung spiegelte sich auch im Umgang mit der Ligafrage wider. Während andere Organisationen frühzeitig Position bezogen, blieben die Ravens lange bewusst ruhig.
„Wir wollten keine überstürzte Entscheidung treffen oder vorschnelle Statements in den sozialen Medien abgeben. Ich weiß, dass unsere zurückhaltende Kommunikation für viele Fans frustrierend war. Aber es hätte für uns keinen Sinn ergeben, vage Aussagen darüber zu machen, wie wir uns fühlen oder welche Pläne wir haben, weil sich in den letzten fünf Monaten vieles nicht so entwickelt hat, wie es sich manche gewünscht hätten. Unser Ziel war es, uns in eine Position zu bringen, in der wir eine Entscheidung treffen können, die langfristig das Beste für die Munich Ravens, unsere Fans, Spieler und Mitarbeiter ist. Es ging vor allem darum, geduldig zu sein.“
Pro EFA – gegen AFLE
Auch der Weg zur finalen Entscheidung war weniger ein Abwägen zweier konkurrierender Ligen als eine grundsätzliche Standortbestimmung. Auf die Frage, warum die Ravens sich gegen die AFLE entschieden hätten, antwortete der General Manager deutlich:
„Ich würde es ungern als ‚das eine gegen das andere‘ bezeichnen. Das übergeordnete Ziel ist aus meiner Sicht für alle Beteiligten klar: eine Liga. Ich glaube, jeder weiß, dass das für alle das Beste wäre – auch wenn es dieses Jahr wohl nicht passieren wird. Beide Seiten haben dieses Ziel klar benannt, die Frage ist nur: Wie kommt man dahin? Genau darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen.“
Für München war letztlich entscheidend, mit welchen Partnern dieser Weg aktuell am sinnvollsten zu gehen ist.
„Für uns war entscheidend, uns mit etablierten Franchises zusammenzuschließen, die helfen können, hochwertigen Football nach Bayern zu bringen und dafür zu sorgen, dass jedes Heimspiel sein Eintrittsgeld wert ist. Außerdem teilt die EFA die Philosophie, dass starke Franchises der Schlüssel zu einer starken Liga sind. Das war für uns ausschlaggebend.“
Trotz der monatelangen Unsicherheit blieb der sportliche Kern der Ravens stabil. Der Kaderaufbau lief nahezu unbeeinträchtigt weiter – ein Punkt, den Shelton ausdrücklich hervorhob.
„Wir sind im Grunde seit einiger Zeit fast fertig. Es fehlen nur noch ein paar letzte Puzzleteile. Der Großteil unseres Kaders besteht aus Rückkehrern. Wir lieben den Kern, den wir über die letzten drei Jahre aufgebaut haben. Die Unsicherheit rund um die Liga hat den Kaderaufbau kaum gebremst. Das spricht für die Arbeit unseres Coaching-Staffs und für das Vertrauen der Spieler.“
Ein weiteres zentrales Argument für die EFA war die sportliche Attraktivität des Gesamtfeldes. Auch als Antwort auf Kritik von Facebook-Journalisten und Kritikern, der Spielplan sei vermeintlich einfacher und die Ravens wollen Duellen mit Fire und Vikings aus dem Weg gehen.
„Ganz ehrlich: Genau das Gegenteil war der Fall. Wir haben uns die Teams in der EFA angeschaut. Nordic wird ein sehr starkes Team sein. Madrid ist eine sehr gute Football-Mannschaft. Frankfurt hat eine große Geschichte und wird wieder ein starkes Team aufbauen. Prag ist im Kommen, Paris ist stark. Die EFA ist die bessere Wahl. Wir wollten einen Spielplan, der von oben bis unten attraktiv ist. Unsere Einnahmen bei Heimspielen hängen stark davon ab, gegen wen wir spielen. Spiele, bei denen der Sieger praktisch vorher feststeht, sind für Live-Sport unattraktiv.“
Sheltons Idealbild ist klar formuliert und richtet den Blick über die aktuelle Saison hinaus.
„Wenn man auf die NFL schaut, sieht man, dass sie Ausgeglichenheit perfektioniert haben. Natürlich haben wir in Europa noch viel Arbeit vor uns, aber das Ziel muss eine Liga sein, in der theoretisch an jedem Spieltag das schlechteste Team das beste schlagen kann. Genau das ist es, was die EFA aufbauen will und worauf sie sich konzentriert.“
Für die Munich Ravens ist der Schritt in die EFA damit keine Übergangslösung, sondern eine bewusste strategische Entscheidung – für Planungssicherheit, sportliche Attraktivität und eine Ligastruktur, die aus Münchner Sicht aktuell die besten Voraussetzungen für nachhaltigen Profi-Football bietet.






