Das Ende der Hamburg Sea Devils – Vom ELF-Finalisten zum stillen Verschwinden – Eine Geschichte zwischen Wut und Traurigkeit
Hamburg ist eine Football-Stadt. Seit Jahrzehnten gehört die Region zu den talentiertesten und footballverrücktesten Standorten Deutschlands. Große Jugendprogramme, starke Vereine, volle Stadien. Hamburg zählt zu den Top-3-Regionen mit den größten und qualitativ stärksten Spielerpools im Land. Und doch wird es ab 2026 wohl kein professionelles Franchise in einer paneuropäischen Liga mehr geben. Was bleibt, ist eine Geschichte von Aufstieg, Hoffnung und einem dramatischen Absturz.
Zwei Finals und dann der Fall
In den ersten beiden Spielzeiten der European League of Football waren die Hamburg Sea Devils das Aushängeschild der Liga. 2021 erreichten sie das Championship Game und unterlagen dort der Frankfurt Galaxy. 2022 folgte erneut der Finaleinzug, diesmal verloren sie gegen die Vienna Vikings. Hamburg war sportlich Elite. Hamburg war präsent. Die Stadt Hamburg war relevant.
Dass die Stadt mobilisieren kann, zeigte sich eindrucksvoll im Volksparkstadion. 32.500 Zuschauer verfolgten in der dritten ELF-Saison das Heimspiel gegen Rhein Fire. Eine Zahl, die selbst im europäischen Football Maßstäbe setzte. Doch auf die Hochphase folgte der Niedergang.

Mit dem Ende der Saison 2025 herrscht Funkstille
Spätestens 2025 war das einstige Vorzeigeprojekt kaum wiederzuerkennen. Sportlich nichtmal Mittelmaß und Managementtechnisch absolut unterirdisch. Am 5. September 2025 erschien der letzte Social-Media-Post der Sea Devils. Eine Grafik zur Wahl von Defensive Lineman Kyle Kitchens ins Second Team All-Stars. Ein Spieler, der nicht zurückkehren wird. Seitdem: Stille.
Keine Neuverpflichtungen. Keine Perspektive und auch keine Kommunikation. Über Zugänge kann nicht berichtet werden, es gibt schlichtweg keine.
Das Spieler-Statement – Ein Hilferuf
Am 3. September 2025 meldeten sich die Spieler selbst zu Wort. Öffentlich. Deutlich. Unmissverständlich.
Sie berichteten von ausbleibenden Gehaltszahlungen über die gesamte Saison hinweg. Von leeren Versprechungen, über nicht erstatteten Auslagen. Von monatelangen Verzögerungen bei zugesagten Dienstwagen. bis hin unbezahlten Benzinkosten. Sie warteten über einen Monat auf das Juli-Gehalt. Auch August blieb aus. Viele Spieler waren finanziell abhängig von diesem Job.
Besonders bitter: Staff, medizinisches Personal und Betreuer hätten teilweise aus eigener Tasche Geld vorgestreckt, um den Betrieb am Laufen zu halten. Ein Loyalitätsbeweis und zugleich ein Armutszeugnis für das Management. Auch die Trainingsbedingungen seien nicht professionell gewesen. Spielfeldmarkierungen erst ab Woche drei. Fehlende Ausrüstung. Keine Teamkleidung. Verspätete Busabfahrten zu Auswärtsspielen.
Die Spieler formulierten es klar: Hamburg brauche einen Neuanfang. Mit einer Organisation, die ihre Spieler, Coaches und Fans respektiert. Mit einem Management, das Verantwortung übernimmt. Unter diesen Umständen werde das Team nicht weitermachen können. Und diesen Worten folgten Taten. Kein Spieler kehrte bisher zurück!
Die Liga zerfällt – Hamburg bleibt zurück
Während sich nahezu alle ehemaligen Franchises der ELF neu orientierten und sich entweder der EFA oder der AFLE anschlossen, blieb die ELF faktisch entkernt zurück. Mit den Helvetic Mercenaries und den Fehervar Enthroners meldeten sich sogar zwei Teams in nationalen Ligen an.
In der einst prestigeträchtigen ELF sind nur noch zwei Teams offiziell gelistet: die Cologne Centurions und die Hamburg Sea Devils. Beide gehören Zeljko Karajica – dem CEO der ELF.
Viele Verantwortliche und Franchises haben sich inzwischen abgekoppelt. Die Mehrheit suchte neue Strukturen, neue Modelle, neue Zukunftsperspektiven. Dass die Sea Devils-Spieler nicht zurückkehren wollen, überrascht unter diesen Umständen kaum noch.
Die Abgänge – Eine stille Demontage
Der Aderlass ist massiv.
Berlin Thunder
- RB Chrisman Kyei
Rhein Fire
- DB Nazir Streater
Raiders Tirol
- TE John Levi Kruse

„Das ist nicht in die Richtung gegangen, in die wir Spieler uns das erhofft haben und ich mir persönlich auch nicht.“
John Levi Kruse gegenüber Foot Bowl
Hildesheim Invaders
- WR Noah Bomba
- DL Konstantin Budde
- DL Kyle Kitchens
Kiel Baltic Hurricanes
- OL Ian Spitzke
- DL Joshua Köhnlein
- WR Paul Mäusling
- DB Jerry Hecker
- WR Jarvis McClam
Braunschweig Lions
- LB Jerry Sarfo
- DB Jamal Okeke
- S Dominic Aboagye-Duah
- OL Nils Munderloh
- WR Leon Kusterer
- WR Arvid Lippels
Hinzu kommen zahlreiche Wechsel in die GFL2 sowie in regionale Ligen in und um Hamburg. Weitere Abgänge in Richtung GFL und paneuropäische Ligen sind zu erwarten. Das Fundament ist faktisch zerbrochen.
Die größten Verlierer: Die Fans
Den schwersten Schaden tragen nicht nur Spieler und Coaches. Es sind die Fans. Fanclubs wie der Devils Anchor Club investierten Zeit, Herzblut und eigenes Geld. Sie ließen ein Maskottchen anfertigen – aus eigener Tasche. Es durfte nur eine Saison das Tageslicht sehen. Nun steht es symbolisch für ein Projekt, das nicht mehr existiert. Hamburg ist eine Football-Stadt. Doch kein Team in unmittelbarer Nähe kann diese emotionale Lücke für die Fans auch nur ansatzweise füllen.
Mehr als nur offene Rechnungen
Nicht gezahlte Stadionmieten. Offene Gehälter. Importwohnungen. All das wird hier nur am Rande erwähnt. Es ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Der sportliche Niedergang war sichtbar. Der organisatorische Zerfall geschah im Hintergrund – bis er nicht mehr zu übersehen war.
Ein Standort ohne Franchise
Hamburg hat bewiesen, dass die Stadt Football trägt. 32.500 Zuschauer lügen nicht. Was fehlt, ist eine Organisation, die dieses Potenzial professionell nutzt. Eine Struktur, die Verträge einhält. Ein Management, das Vertrauen schafft.
Ob es jemals wieder ein paneuropäisches Franchise in Hamburg geben wird, ist offen. Was sicher ist: Das Kapitel Sea Devils in seiner bisherigen Form ist beendet. Und zurück bleibt die Frage, wie aus einem zweifachen Finalisten in nur wenigen Jahren ein Franchise werden konnte, das lautlos verschwindet.







