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Svenja Sabatini

Vor zwei Wochen krönten sich die Vienna Vikings zum ELF Champion 2022. Spätestens seitdem richtet sich die Aufmerksamkeit aller Teams vollständig auf die Offseason. Im Gegensatz zur NFL gibt es keinen Draft, also kein klares Offseason-Highlight. Auch ein von der Liga organisiertes Combine gibt es nicht. Dennoch müssen natürlich auch die ELF-Teams an den richtigen Stellschrauben drehen, ja teils eine ganze Baustelle bearbeiten. Was brauchen die Teams, wo lagen eventuell die Schwächen, und: welche Spieler muss das Team unbedingt halten?

Vienna Vikings

  • Regular-Season-Bilanz: 10–2
  • Offense Points Made / Total Yards: 5. / 2.
  • Defense Points Allowed / Total Yards: 2. / 6.
  • A-Imports 2022: QB Jackson Erdmann, WR Mike Breuler, DE Blake Nelson, DB Exavier Edwards
  • Größte Needs: Interior Offensive Line, Wide Receiver
  • Wichtigste Verlängerungen: Exavier Edwards, Thomas Schnurrer, Florian Bierbaumer
Foto: Sarah Philipp

Never Change A Winning Team? Nun, selbst wenn die Starter in Wien bleiben wollen würden, kann der ELF-Sieger wohl nicht alle zurückbringen. Nicht nur dürften die Gehaltsansprüche einiger überzeugender Leistungsträger gestiegen sein, sondern auch eine im Raum stehende Reduktion der Anzahl der europäischen Importspieler könnte den Vikings hier einen Strich durch die Rechnung machen.

Besonders in der Offense setzten die Wiener auf eine Vielzahl von Importspielern, die jetzt natürlich alle als Free Agents auf dem Markt sind. Neben zwei Amerikanern zählten zuletzt auch sieben weitere Offensivspieler als europäische Imports. Angesetzt werden muss daher sicherlich in der Offense. Ob neue Import-Regeln oder nicht – alle wird Wien wohl nicht halten können.

Needs

Die Offensive Line etwa könnte ein wenig auseinanderfallen. Toby Lettman (ENG), Niklas Johansson (SWE) und Matthew Daltrey (SCO) sind europäische Importspieler und dürften auch anderswo begehrt sein. Aleksandar Milanovic (30) kam bereits extra für diese Saison aus dem Retirement zurück und auch Michael Hinterwirth-Haider (35) und Benjamin Rab (33) sind nicht mehr die Jüngsten. Ob die drei nach dem Gewinn der Championship über die Fortsetzung ihrer Karrieren nachgrübeln?

Keine Sorgen muss man sich um die Running Back Unit machen, die mit den Wegan-Brüdern auch 2023 stark besetzt sein dürfte. Als Need kann daher eher die Wide-Receiver-Position betrachtet werden. Hier lief in der vergangenen Saison viel über die Imports Jordan Bouah, Mike Breuler und Kimi Linnainmaa. Auch der spanische Tight End Adrià Botella Moreno war ein beliebtes Target. Ohne Zweifel darf erwartet werden, dass die Vikings auch 2023 einen amerikanischen Receiver in den Roster aufnehmen. Eventuell bemüht man sich erneut um Weston Carr, der vor seiner Verletzung gut mit Erdmann harmoniert haben soll. Dennoch müssen die Vikings hier starke Homegrowns präsentieren und fördern. Auch deshalb hofft man an der Ravelin auf eine Rückkehr von Florian Bierbaumer, der sicherlich auch für andere Teams in Frage kommt. Der 24-jährige darf sich Chancen auf eine Einladung zum NFL International Combine ausrechnen. Gelingt ihm das am besten im bekannten, familiären Umfeld oder als Importspieler im Ausland, wo er sich komplett auf Football konzentrieren kann?

An der Defense, die als Ganzes unfassbar gut funktionierte, etwas auszusetzen, ist schwer. Manche, auch wir, beklagten sich zwischenzeitlich über die mangelnde Anzahl an Sacks, doch ist eine gute Defensive Line nicht nur an der Sack-Statistik zu messen. Generell wird die Defensive Front des Teams nur punktuelle Verstärkungen brauchen. Interessant wird dabei zu beobachten sein, ob man wieder auf einen Importspieler in der Unit setzen wird.

Extensions

In der Secondary gilt es, die Zukunft von Exavier Edwards möglichst bald zu klären. Auch wenn es häufig heißt, dass die Amerikaner leichter “auszutauschen” wären, kann Edwards hier als Ausnahme angesehen werden. Die Allzweckwaffe hat sein Herz für dieses Team auf dem Platz gelassen. Die Vikings konnten mehr als froh sein, ihn im Kader zu haben. Edwards war de facto der einzige DB der Liga, der Kyle Sweet in Schach halten konnte. Zudem stellte er immer wieder als Running Back seine Vielseitigkeit unter Beweis. Als Returner gehörte er ebenfalls zur Ligaspitze.

Ferner muss Thomas Schnurrer auf der Prioritätenliste ganz oben stehen. Die All-Star First Team Selection war der zentrale Faktor in der Wiener Defense. Er könnte locker bei jedem Team in der European League of Football als Starter auflaufen und genau deshalb müssen sich die Vikings früh um eine Verlängerung bemühen.

Weiter mit Erdmann?

Eine zentrale Frage ist vor jeder Saison die Besetzung der Quarterback-Position. Bei den Vikings übernahm 2022 Jackson Erdmann diese Rolle. Der Erdmännchen-Pate im Tiergarten Schönbrunn lebte sich in Wien ein und könnte sich wohl ein zweites Jahr in der European League of Football gut vorstellen. Erdmann bringt wertvolle Führungsqualitäten mit und hat einen herausragenden Arm. Allerdings gab es dieses Jahr wohl kein Spiel, in dem Erdmann nicht auch einen gedankenlosen Fehler machte. Klar ist aber auch, dass Erdmann in entscheidenden Momenten gute Leistungen brachte. So auch im Championship Game, als er zwar keinen Touchdown-Pass warf, aber 20 von 25 Pässe komplettierte. Es ist aber auch durchaus möglich, dass die Vikings sich hier andere Optionen anschauen. Chris Helbig stand bereits 2022 zur Diskussion, warum nicht auch 2023 nach einer guten Saison in der GFL bei den Potsdam Royals?

Raiders Tirol

  • Regular-Season-Bilanz: 8–4
  • Offense Points Made / Total Yards: 2. / 1.
  • Defense Points Allowed / Total Yards: 4. / 2.
  • A-Imports 2022: QB Sean Shelton, RB CJ Okpalobi, DL Derrick Brumfield, DB Jamalcolm Liggins
  • Größte Needs: Quarterback, Kicker
  • Wichtigste Verlängerungen: Niklas Gustav, Tony Koskinen
Foto: Svenja Sabatini

Es war ein ungewohntes Saisonende für die erfolgsverwöhnten Raiders. Erstmals seit 2007 erreichten sie kein Endspiel in Meisterschaft oder Pokalwettbewerb. Dennoch hatten die Tiroler als eine Top 2 Offense und Top 4 Defense ein starkes Jahr. Vor der Saison 2023 gibt es jedoch einige Baustellen, die es zu beackern gilt. Nach dem Rücktritt von ELF MVP Sean Shelton sind die Raiders auf der Suche nach einem neuen Quarterback. Einen richtigen Placekicker konnten die Raiders bisher ebenso wenig präsentieren.

Needs

Die Zeiten sollten mit Eintritt in die European League of Football eigentlich vorbei sein, in denen man positionsfremde Athleten als Kicker antreten lässt. Der etatmäßige Cornerback Arno Schwarz machte seine Sache sicherlich nicht schlecht, doch um den nächsten Schritt zu gehen, müssen die Raiders hier eine bessere Lösung finden.

Unterm Strich steht das Gerüst in der Innsbrucker Defense weiter stabil, punktuelle Verbesserungen durch Importspieler können das Team erneut zu einer guten Verteidigung im Ligavergleich verhelfen. 2022 war die Defensive Front gegen den Run sehr gut, im Pass Rush wurde man gegen Saisonende auch stärker. In Punkto Turnover forcierten die Raiders die meisten Interceptions der Liga, konnten dafür aber am wenigsten Fumbles recoveren.

Wie schwer wiegt der Abgang von Sean Shelton?

Generell stellt sich die Frage, wie viel Einfluss Shelton auf den offensiven Erfolg hatte. Werden die Raiders ihr sehr hohes Niveau auch mit einem anderen Quarterback beibehalten? Immerhin darf davon ausgegangen werden, dass Assistant Coach of the Year Kyle Callahan als Offensive Coordinator der Raiders weitermachen wird. Bis Callahan aber mit dem neuen Spielmacher so harmoniert wie mit Shelton, werden sicherlich viele Skispringer:innen die Bergiselschanze hinunterspringen.

Die wichtigste Personalie der Offseason ist also der Quarterback. Dieser sollte weiterhin auf vielversprechende Wide Receiver bauen können, wenngleich es keineswegs gesichert ist, dass die letztjährigen Top-Neuzugänge Philipp Haun und Yannick Mayr in Tirol bleiben werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit darf hingegen davon ausgegangen werden, dass Rookie des Jahres Marco Schneider und Adrian Platzgummer gehalten werden können.

Extensions

Bei der Frage nach den wichtigsten Extensions gibt es vielleicht nicht die Antwort, die jedem sofort auf der Zunge liegt. Zu viele wichtige Homegrowns dürfen per se zurückerwartet werden, weshalb hier zwei europäische Importspieler genannt werden.

Auf jeden Fall gehalten werden sollte Niklas Gustav, der nach mehreren Jahren in Nordamerika wieder in Europa spielte und in das All-Star Second Team gewählt wurde. Der Defensive End und Long Snapper kam gegen Ende der Saison immer besser ins Spiel und profitierte dabei auch von der Verpflichtung Thomas Schaffers, der sicherlich ebenso eine wertvolle Verlängerung darstellen würde. Um den Hamburger Gustav ein weiteres Jahr in der Nordkette zu sehen, bedarf es sicherlich Verhandlungsgeschick. So hat der 26-jährige seinen Lebensmittelpunkt mittlerweile in den USA, wo er sich schon auf seine Coaching-Karriere freut. Zudem dürfte er bei einer Fortsetzung seiner Karriere keine Probleme haben, bei einem anderen Team unter zu kommen.

Vor dem Hintergrund eines neuen Quarterbacks und des womöglichen Karriereendes Michael Habetins, ist Stabilität in der Offensive Line wichtig. Seit Jahren schaffen es die Raiders eigentlich immer, eine starke O-Line zu formen, doch auf dem Ruhm vergangener Tage lohnt es sich nicht auszuruhen. Der Finne Tony Koskinen, der auf der rechten Seite sowohl als Guard als auch als Tackle eingesetzt werden kann, machte seine Sache sehr gut. Er kennt das Umfeld nun gut und bräuchte keine Eingewöhnungszeit.

Elias Hoffmann

Elias ist seit Ende August 2021 Teil von Foot Bowl. Mail: hoffmann-footbowl@gmx.de

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